Das marxsche Kapital. Eindrücke und Überlegungen aus der Perspektive eines Nicht-Ökonomen
Einführung
Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; […]. Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, […], so muß es der Zivilisierte, […]. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. […]. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.
Das Kapital
Karl Marx1
Das Kapital ist ein mehrbändiges Hauptwerk von Karl Marx. Marx entwickelt Geld- und Werttheorien, spricht über die Entstehung der Kapitalisten- und Arbeiterklassen und des Kapitals selbst, unterteilt das Kapital in seine Bestandteile und verfolgt genau seine Zirkulation und Akkumulation, untersucht sowohl individuelles Kapital einzelner Kapitalisten als auch gesellschaftliches Kapital unter verschiedensten Betrachtungswinkeln, diskutiert Werke und Ansichten anderer Ökonomen.
Das Werk ist nicht nur als „Kritik der politischen Ökonomie“, wie der Untertitel des Buches verrät, interessant, sondern auch aus der geschichtlichen Perspektive. Während der Niederschrift lebte Marx längere Zeit in England,2 der „klassischen Stätte“ der kapitalistischen Produktionsweise.3 Als Beispiele für verschiedene Phänomene des Kapitalismus hat er öfters die Folgen der industriellen Revolution für die Arbeiterklasse herangezogen, was die industrielle Revolution in ein ganz anderes Licht rückt, und sie nicht mehr als dieses glorreiche Ereignis erscheinen lässt, das den Menschen die Bürde der schweren Arbeit abgenommen und zahlreiche technische Erfindungen gegeben hat.4
Das Kapital eröffnet nicht nur eine neue Sicht auf die Vergangenheit, sondern gestattet es einem auch in die Zukunft zu blicken. Wer imstande ist, eine Parallele zwischen der Industrialisierung und Digitalisierung zu ziehen, wird sehr viel über seine Zukunft erfahren.
Auf den Seiten seiner Bücher finden sich keine Aufrufe zur Handlung, keine Aufforderungen, Geld und Besitz abzuschaffen o. Ä. Das Kapital versucht kein Manifest, sondern eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der politischen Ökonomie zu sein, auch wenn Marx sich an der ein oder anderen Stelle bissigen Spott gegenüber seinen Gegnern erlaubt. Aus dem, was bemängelt wird, kann durchaus herausgelesen werden, wie gewissen Missständen entgegengewirkt werden kann, wobei es der Gesetzgeber ist, der die Arbeiterklasse vor Ausbeutung schützen sollte.
Grundelemente
Um von Zufuhr von Kapital zu sprechen, müssen wir vor allem wissen, was Kapital ist. Woraus besteht das Kapital? Nehmen wir seine einfachste Erscheinung: aus Geld und Waren.
Das Kapital
Karl Marx5
Ein Kapitalist ist nicht bloß ein Schatzbildner,6 sondern „personifiziertes, mit Willen und Bewußtsein begabtes Kapital“.7 Das heißt, das Kapital verselbständigt sich und verfolgt seinen eigenen Zweck, „und der Lebensprozeß des Kapitals besteht nur in seiner Bewegung als sich selbst verwertender Wert“.8 Das Ergebnis dieser Verwertung ist seine Vermehrung.
Ein wichtiges Merkmal des Kapitals ist also, dass es nicht in einer Schatztruhe brachliegt, sondern sich ständig bewegt und seine Form ändert. Geld verwandelt sich durch einen Kauf in Waren. Bestimmte Warensorten, wie Arbeitsmaschinen und Rohstoffe, verwandeln sich mittels Produktion in andere Waren, welche sich wiederrum in einer Verkaufsaktion in Geld transformieren lassen.9
Konstantes Kapital und variables Kapital
Zunächst unterscheidet Marx zwischen dem konstanten und variablen Kapital:
Der Teil des Kapitals also, der sich in Produktionsmittel, d. h. in Rohmaterial, Hilfsstoffe und Arbeitsmittel umsetzt, verändert seine Wertgröße nicht im Produktionsprozeß. Ich nenne ihn daher konstanten Kapitalteil, oder kürzer: konstantes Kapital.
Der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals verändert dagegen seinen Wert im Produktionsprozeß. Er reproduziert sein eignes Äquivalent und einen Überschuß darüber, Mehrwert, der selbst wechseln, größer oder kleiner sein kann. […]. Ich nenne ihn daher variablen Kapitalteil, oder kürzer: variables Kapital.10
Konstantes Kapital sind Arbeitsmittel und Rohstoffe. Im Produktionsprozess sind das Maschinen, die für die Herstellung einer Ware verwendet werden, Rohstoffe, aus denen Gegenstände hergestellt werden, aber auch gemietete oder gekaufte Arbeitsräume, oder auch Transportmittel, ob in der Produktion oder beim Verkauf.
Variables Kapital sind die Arbeitskräfte bzw. der ausgezahlte Arbeitslohn.
Diese Unterscheidung zwischen konstantem und variablem Kapital ist für Marx entscheidend. Wenn ich eine Ware auf den Markt bringen will, rechne ich mit gewissen Produktionskosten. Das Kapital, das ich in der Produktion der Ware aufbrauche, macht den Preis der Ware aus. Deswegen sind einfach zu produzierende Waren günstiger, während aufwendig zu produzierende oder hochwertige Waren teurer sind. Das ist nur das Grundgerüst der Wertbildung. Es ist Marx durchaus klar, dass noch weitere Faktoren in die einzelnen Preise eingehen, weswegen er auch unterschiedliche Begriffe wie Markt- und Produktionspreise verwendet, was im dritten Band behandelt wird.11 Nun, wenn der Käufer mir nur die Produktionskosten erstattet, wie profitiere ich von diesem Geschäft (selbst wenn der bezahlte Preis geringfügig über oder unter meinen Produktionskosten liegt)? Am konstanten Kapital kann ich nicht sparen: Ich kaufe Rohstoffe und Arbeitsmaschinen bei anderen Kapitalisten und zahle die üblichen Marktpreise. Aber vielleicht kann ich nur einen Teil der lebendigen Arbeit, die in die Ware eingeht, bezahlen, während ich mir die unbezahlte Arbeit aneigne. Die unbezahlte Arbeit bildet hier den Mehrwert, der die primäre Quelle meines Profits ist.
Und das ist der Kern der marxschen Kritik des Kapitalismus. Der Arbeiter, dessen Arbeit in den Warenwert eingeht, wird nur teilweise entlohnt. Einen Teil des Lohns, der rechtmäßig dem Arbeiter gehört, behält der Kapitalist. Dabei bedient sich der Kapitalist aller möglichen Tricksereien um den Arbietslohn niederzudrücken. Aber die Hauptmethode ist die Monopolisierung der Produktionsmittel. Wenn der Arbeiter nicht im Besitz der Produktionsmittel ist, die er braucht, um arbeiten zu können, ist er gezwungen unter suboptimalen Bedingungen für den Kapitalisten zu arbeiten, nur um sich ernähren zu können: „Man hat gesehn, daß es die beständige Tendenz und das Entwicklungsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise ist, die Produktionsmittel mehr und mehr von der Arbeit zu scheiden und die zersplitterten Produktionsmittel mehr und mehr in große Gruppen zu konzentrieren, also die Arbeit in Lohnarbeit und die Produktionsmittel in Kapital zu verwandeln“.12
Ferner wird das konstante Kapital in fixes und zirkulierendes Kapital unterteilt:
Während seiner ganzen Funktionsdauer [als ein Teil des konstanten Kapitals] bleibt ein Teil seines Werts stets in ihm fixiert, selbständig gegenüber den Waren, die es produzieren hilft. Durch diese Eigentümlichkeit erhält dieser Teil des konstanten Kapitals die Form: Fixes Kapital. Alle andern stofflichen Bestandteile des im Produktionsprozeß vorgeschoßnen Kapitals dagegen bilden im Gegensatz dazu: Zirkulierendes oder flüssiges Kapital.13
Hier wird differenziert, wie konstantes Kapital seinen Teil des Werts einer Ware bildet. Zirkulierendes Kapital wird in der Produktion konsumiert und geht vollständig in die Ware über, wie Rohstoffe, aus denen ein Produkt hergestellt wird. Fixes Kapital hat eine eigenständige, von der Ware unabhängige Existenz, überträgt aber einen Teil seines Werts auf die Ware; es wird schrittweise aufgebraucht.
Bei der Anfertigung eines Hemdes sind Stoffe, Fäden und Knöpfe zirkulierendes Kapital, weil das Material, das für ein Hemd notwendig ist, vollständig aufgebraucht wird. Selbst wenn kleinere Stoffreste überigbleiben und weggeschmissen werden, so ist es doch einkalkuliert, dass nicht jeder Zentimeter physisch zu einem Teil des Hemdes wird. Die Rede ist von einem vollständigen Übertragen des Wertes.
Um Stoffe, Fäden und Knöpfe in ein Hemd zu verwandeln, sind Werkzeuge notwendig: u. a. eine Nähmaschine, ein Bügeleisen. Natürlich werden aber diese Werkzeuge nicht in der Produktion aufgebraucht. Sie können verwendet werden, um viele weiteren Hemden herzustellen. Andererseits sind diese Werkzeuge nicht ewig und müssen irgendwann ersetzt werden. Der Kauf und die Pflege (z. B. Reparaturen) solcher Werkzeuge werden zu einem Wertteil der von ihnen produzierten Waren, aber sie übertragen ihren Wert auf die Waren stufenweise, was sie zu fixem Kapital macht.
Und das Bindeglied zwischen dem Werkzeug und Rohstoff ist der Arbeiter, der die Maschinen bedient. Seine Arbeit fließt in den Wert der Ware als variables Kapital ein.
Kapitalismus heute
Verwechslung des Kapitalismus mit Sozialismus
Einige Kritiker der modernen sozialen Ordnung verweisen zwar zurecht auf Probleme, wie die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und allgemeine Verarmung der Bevölkerung, schieben aber gerne anderen die Schuld in die Schuhe. Eigentlich sei der Kapitalismus so großartig und mache alle reich und wohlhabend, aber die bösen Sozialisten oder Kommunisten hätten die Macht ergriffen und würden den gemeinen Mann enteignen. Die erste Frage, die aufkommt, ist: Woher kommt der Sozialismus oder Kommunismus in dieses blühende kapitalistische Paradies? Nach einer kurzen Zeit der Prosperität geht die Wirtschaft zunehmend den Bach runter, das Reichtum konzentriert sich in den Händen weniger Monopolen (Kapitalisten), während andere verarmen und immer mehr schuften müssen; aber schuld daran soll der Sozialismus sein, und nicht das, was dazu geführt hat, nämlich die kapitalistische Produktionsweise? Und selbst wenn sozialistische Stimmungen stärker werden, dann nicht, weil Menschen so glücklich in ihrer Lebenssituation sind.
Liebend gern wird immer die gleiche Geschichte erzählt, wie man den Sozialismus und Kommunismus versucht habe zu verwirklichen, und wie es in der Praxis scheiterte. Ein Glück, dass der Kapitalismus auf lange Sicht immer so gut funktioniert, dass Menschen so sehr verzweifeln, dass sie bereit sind, das ganze System zu stürzen.
Diese Wirtschaftsmodelle funktionieren gleich schlecht, weil sie im Endeffekt an der Korruptheit der leitenden Kräfte scheitern. Im Sozialismus wäre es die Regierung, die das soziale System regulieren sollte, aber ihre Macht missbraucht, um die eigene Clique auf Kosten der Arbeiterklasse zu bereichern. Im Kapitalismus kommt eine kleine Klasse mit Gewalt an das ursprüngliche Kapital, dass sich dann immer weiter akkumuliert, indem es den anderen die Lebenskraft aussaugt.
Diese Methoden beruhn zum Teil auf brutalster Gewalt, z. B. das Kolonialsystem. Alle aber benutzen die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsprozeß der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu fördern und die Übergänge abzukürzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht.14
Auch hier spielen die Regierenden eine entscheidende Rolle, weil sie die Möglichkeit haben, diese Mächte im Austausch für eine Gegenleistung durch die Gesetzgebung oder ihr politisches Agieren zu begünstigen. „Aber der Krieg läßt sich nicht schlecht an. Bis alle Länder drin sind, kann er vier, fünf Jahr dauern wie nix. Ein bissel Weitblick und keine Unvorsichtigkeit, und ich mach gute Geschäft.“15
Auf welchem Planeten wohl die Libertären leben, die von den Märkten, die sich selbst regulieren, faseln.
Digitalisierung und kapitalistische Produktionsweise
An und für sich handelt es sich nicht um den höheren oder niedrigeren Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringen. Es handelt sich um diese Gesetze selbst, um diese mit eherner Notwendigkeit wirkenden und sich durchsetzenden Tendenzen. Das industriell entwickeltere Land zeigt dem minder etwickelten nur das Bild der eignen Zukunft.
Das Kapital
Karl Marx16
Eines der Aspekte der kapitalistischen Produktion ist die Aneignung der Produktionsmittel, die aus dem Besitz der Arbeiterklasse an die Kapitalistenklasse übertragen werden. Das heißt, um Garn zu produzieren, brauche ich neben der Baumwolle einen Webestuhl oder eine industrielle Spinnmaschine. Einen Webestuhl kann ich mir leisten, aber die Garnproduktion ist viel langsamer als mit Verwendung einer Maschine, sodass ich nicht genug produziere, damit ich davon leben kann. Andererseits sind die Maschinen im Besitz einer Handvoll Menschen, für die ich gezwungen bin zu arbeiten, selbst wenn die Entlohnung miserabel ist, weil ich sonst nicht konkurrenzfähig wäre: „Überall, wo ein Teil der Gesellschaft das Monopol der Produktionsmittel besitzt, muß der Arbeiter, frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung notwendigen Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel für den Eigner der Produktionsmittel zu produzieren, […]“.17
Die Maschinerie erlaubt es dem Kapitalisten, den Arbeiter an sich zu binden.
In einer digitalisierten Gesellschaft findet die Computertechnik direkt oder indirekt Anwendung in vielen Arbeitsbereichen und Berufen. Und seit einiger Zeit lässt sich das Bestreben feststellen, die Nützlichkeit der Computer für den einzelnen Anwender zu verringern und die Anwender stattdessen von der Computertechnik der IT-Giganten abhängig zu machen.
Es hat damit angefangen, dass immer mehr Software-Anbieter zu Abonnement-Modellen wechselten. Das heißt, die Software wird nicht gekauft und kann dann uneingegrenzt genutzt werden, sondern die Software wird gegen eine regelmäßige Gebühr ausgeliehen und kann genutzt werden, nur solange die Gebühr gezahlt wird. Selbst die Version, die ursprünglich bezahtl wurde, wird unbrauchbar. Man zahlt nicht dafür, dass an der Software gearbeitet und sie aktualisiert wird, sondern für ein Nutzungsrecht.
Wenn die Software einmal erfolgreich ist, kann nicht nur sie selbst, es können auch Zusatzfunktionen separat nach dem gleichen Prinzip angeboten werden.
Öfters wird die Software auch nicht mal auf dem eigenen Rechner des Anwenders installiert, sondern kann nur in der „Cloud“, über das Internet, genutzt werden. Der Anwender ist in diesem Fall komplett von der Gnädigkeit der Software-Betreiber abhängig. Der Betreiber kann immer weiter Preise anheben oder Bestandteile seines Produkts kostenpflichtig machen, ohne befürchten zu müssen, viele Kunden zu verlieren, weil diese entweder keine Alterantive kennen oder ein Umstieg einmalige Kosten verursachen würde, die der Kunde nicht tragen will (Mitarbeiterschulung, Datenmigration).
Wenn die Software dem Besitz des unmittelbaren Anwenders entrissen werden kann (sei es eine Privatperson oder ein Unternehmen), kann die Hardware folgen. An sich ist die Vermietung der Hardware nicht neu. Als Betreiber eines Internet-Dienstes hat man besondere Anforderungen an Hardware und Erreichbarkeit eines Server-Systems, die außerhalb eines Rechenzentrums nicht erfüllt werden können: Stromversorgung muss rund um die Uhr gesichert sein, die Internetverbindung ohne Unterbrechungen funktionieren, Hardware muss redundant sein, damit im Fall eines Ausfalls einer Komponente das System weiterhin funktioniert. Inzwischen sind aber die Preise auf einige der grundlegenden Computerkomponenten so gestiegen, zunächst auf Grafikkarten, dann RAM und Datenträger, dass ein leistungsstarkes Computersystem immer kostenspieliger wird.
Während die Endverbraucher-Hardware teurer wird, wird die Software ineffizienter und hat höhere Systemanforderungen. Niklaus Wirth hat das sogenannte Wirthsche Gesetz formuliert:
Software expands to fill the available memory. (Parkinson)
Software is getting slower more rapidly than hardware becomes faster. (Reiser)18
In „A Plea for Lean Software“ spricht Wirth die Problemathik der Komplexität der Software an und wie diese mit dem Profit der IT-Unternehmen zusammenhängt: „Customer dependence is more profitable than customer education.“19 Statt eines Produkts, das auf einem systematischen Konzept basiert, das erlernt werden kann, wird ein Produkt entwickelt, das versucht, jeden einzelnen Anwendungsfall mit einer Spezialfunktion abzudecken.20 Neue Funktionen kommen unkontrolliert hinzu mit allen Folgen wie Performanzprobleme und Sicherheitslücken, aber sie machen den Kunden von dieser konkreten Software abhängig.
Und der Höhepunkt dieser Tendenz, „Personal Computer“ unpersönlich zu machen, ist natürlich die Bestrebung, überall Large Language Models (LLM) aufzuzwigen. Für diese Diskussion ist es irrelevant, ob LLMs eine Zukunft haben oder nicht. Aktuell werden sie als Zukunftstechnologie beworben, die den Mitarbeiter effizienter mache (oder entbehrlich, wenn die Zielgruppe der Werbung Unternehmensführung ist). Es wird gerne mit der menschlichen Angst gespielt: wer LLMs nicht nutze, sei nicht produktiv, und wer es nicht lerne, bleibe zurück.
Heute gängige LLMs müssen an einer riesigen Menge Daten trainiert werden und brauchen enorme Ressourcen, um nützlich zu sein, was viele Rechenzentren erforderlich macht, die sich nur wenige IT-Giganten leisten können. Also profitieren die letzteren von einer Arbeitswelt (eigentlich einer Lebenswelt), wo niemand seine Arbeit ausüben kann, ohne in jedem Schritt ein LLM konsultieren zu müssen. Denn LLMs scheinen ihre Anwender abhängig zu machen, – wer sie ständig für eine bestimmte Aufgabe verwendet, wird diese Aufgabe nicht mehr selbständig, ohne die LLM erfüllen können.
Das ist wahrhaftig die Übetragung der Produktionsmittel in die Hände einiger weniger, welche auf diese Weise dazu befähigt werden, die Arbeiterklasse auszubeuten, die auf diese Mittel angewiesen ist.
Arbeitsmoral des Kapitalismus
Um mehr Mehrarbeit und Mehrwert aus den Arbeitern herauszuschlagen kann einerseits der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung vergrößert werden (siehe „Aneignung zuschüssiger Arbeitskräfte durch das Kapital. Weiber- und Kinderarbeit“21). Bei einer gegebenen Arbeiterzahl kann dann „Verlängerung des Arbeitstags“22 und „Intensifikation der Arbeit“23 angestrebt werden. In die moderne Sprache übersetzt, heißen diese 3 Wege zur Exploitation der Arbeitskraft:
Gleichberechtigung
Viel arbeiten
Produktiv sein
Und hier wird deutlich, woher die Wertvorstellungen stammen, die den modernen Menschen von klein auf beigebracht werden. Billionäre erzählen denen, die nur Brotkrümel von ihres Herren Tisch sammeln, dass jeder reich, berühmt und erfolgreich werden könne, wenn er nur viel und fleißig arbeite. An jeder Ecke wird für Methoden und Hilfsmittel, eigene Produktivität zu steigern, geworben.
Rückblick
Amerikaner sprechen heute gerne vom „late-stage capitalism“. Ich finde diesen Begriff irreführend, weil der Abgrund, in den die Gesellschaft blickt, leider noch um einiges tiefer sein könnte. Marx betrachtet den Kapitalismus nicht zu jeder Zeit als einen monotonen Prozess. Entwickelte kapitalistische Produktion ist gekennzeichnet durch regelmäßig wiederkehrende Krisen, „worin das Geschäft aufeinanderfolgende Perioden der Abspannung, mittleren Lebendigkeit, Überstürzung, Krise durchmacht“.24 Die Produktion wird gesteigert, bis der Markt überfüllt ist, und die Produktion unter die vorher erreichte Stufe sinkt; Ab dieser Stufe entwickelt sie sich weiter, bis es wieder in die Überproduktion mündet.25 Ein anderes Beispiel:
Nach demselben [ökonomischen Dogma] steigt infolge der Kapitalakkumulation der Arbeitslohn. Der erhöhte Arbeitslohn spornt zur rascheren Vermehrung der Arbeiterbevölkerung, und diese dauert fort, bis der Arbeitsmarkt überfüllt, also das Kapital relativ zur Arbeiterzufuhr unzureichend geworden ist. Der Arbeitslohn sinkt, und nun die Kehrseite der Medaille. Durch den fallenden Arbeitslohn wird die Arbeiterbevölkerung nach und nach dezimiert, so daß ihr gegenüber das Kapital wieder überschüssig wird, […]. So tritt wieder das Verhältnis ein, worin die Arbeitszufuhr niedriger als die Arbeitsnachfrage, der Lohn steigt usw.26
Andererseits schreibt der Herausgeber von Das Kapital, Friedrich Engels, dass diese periodische und temporäre Krisenbildung nicht ewig andauert und früh oder spät in eine permanente chronische Krise umschlägt: „Der zehnjährige Zyklus von Stagnation, Prosperität, Überproduktion und Krise, der von 1825 bis 1867 immer wiederkehrte, scheint allerdings abgelaufen zu sein; aber nur um uns im Sumpf der Verzweiflung einer dauernden und chronischen Depression landen zu lassen. Die ersehnte Periode der Prosperität will nicht kommen; […].“27
Selbst wenn nicht jedes Element der marxistischen Theorie plausibel zu sein scheint, fasziniert es einen zu sehen, wie viele der von Marx beschriebenen Erscheinungen auch heute noch aktuell sind, wenn man sich vom geschichtlichen Kontext, in dem Das Kapital steht, abstrahiert. So bleibt Marx’ Warnung an seine Zeitgenossen über das Wesen des Kapitalismus auch für deren Nachfolger gültig. Und genauso wie seine Zeitgenossen werden auch deren Nachfolger sich über ihn lustig machen und diese Warnung ignorieren, bis sie eines Tages auf die Nase fallen.
Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion. Herausgegeben von Rosa-Luxemburg-Stiftung. 3 Bde. (Bd. 3). 36. Aufl. Berlin 2023, S. 828.↩︎
Vgl. Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie: Der Produktionsprozeß des Kapitals. Herausgegeben von Rosa-Luxemburg-Stiftung. 3 Bde. (Bd. 1). 43. Aufl. Berlin 2024, S. 843.↩︎
Vgl. ebd., S. 12.↩︎
Vgl. ebd., S. 430f.↩︎
Marx (wie Anm. 1), S. 871.↩︎
Vgl. Marx (wie Anm. 2), S. 168.↩︎
Ebd.↩︎
Ebd., S. 329.↩︎
Vgl. ebd., S. 161ff.↩︎
Ebd., S. 224.↩︎
Vgl. Marx (wie Anm. 1), S. 182ff.↩︎
Ebd., S. 892.↩︎
Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie: Der Zirkulationsprozeß des Kapitals. Herausgegeben von Rosa-Luxemburg-Stiftung. 3 Bde. (Bd. 2). 35. Aufl. Berlin 2022, S. 159.↩︎
Marx (wie Anm. 2), S. 779.↩︎
Brecht, Bertolt: Mutter Courage und ihre Kinder: Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg. Berlin 1999, S. 20.↩︎
Marx (wie Anm. 2), S. 12.↩︎
Ebd., S. 250.↩︎
Wirth, Niklaus: A Plea for Lean Software. In: Computer 28 (1995), Nr. 2, S. 64–68, S. 64.↩︎
Ebd., S. 65.↩︎
Vgl. ebd.↩︎
Vgl. Marx (wie Anm. 2), S. 416ff.↩︎
Vgl. ebd., S. 425ff.↩︎
Vgl. ebd., S. 431ff.↩︎
Marx (wie Anm. 13), S. 185f.↩︎
Vgl. Marx (wie Anm. 1), S. 506f.↩︎
Vgl. Marx (wie Anm. 2), S. 667.↩︎
Ebd., S. 4.↩︎