Anthropologische Identitätsvorstellung des RoboCops

Es gibt 3 Originalfilme „RoboCop“ aus den Jahren 1987, 1990 und 1992. Es gibt auch einen modernen Film (2014), der zwar das Auge mit anspruchsvoller Grafik erfreut, aber ansonsten viel weniger Hintegrundgeschichte und Tragik bietet. Deswegen tue ich im Foglenden so, als ob ich den neuen „RoboCop“ niemals gesehen hätte.

„RoboCop“ berichtet über einen Polizisten aus Detroit, Alex Murphy, der infolge der Verbrecherjagd von diesen geschnappt und übel zugerichtet wird. Da Murphy keine Überlebenschancen hat, gelangen Reste seines beinahe leblosen Körpers in die Hände eines Robotikunternehmens, das aus ihm einen Roboter mit menschlichem Gehirn macht. Neben Gehirn behält RoboCop sein menschliches Gesicht, das aber im Einsatz fast vollständig durch einen Helm verdeckt wird. Eine frühe Konfiguration des RoboCops hatte außerdem Murphys linken Arm, der aber auf Anweisung eines Vorgesetzen mit einem mechanischen Arm ersetzt wurde. Der rechte Arm ist ein Symbol des menschlichen Tuns (wie die Stirn des Denkens) — eventuell ist es eine Anspielung darauf, dass RoboCop nun ein Computer ist, der nicht mehr menschlich handeln kann, da er sich ursprünglich auch seiner selbst nicht erinnert, sondern einprogrammiert wird, Befehle zu befolgen.

Die erste Frage, die diese Filme stellen, ist: Was macht eine Person identisch mit sich selbst? welcher Teil des menschlichen Daseins macht aus einer Person genau diese Person, die von allen anderen unterschieden wird? Derjenige, der keine mystische oder metaphysische Substanz als Grundlage des menschlichen Seins annehmen will, sucht nach greifbaren, essenziellen Faktoren. Der erste Kandidat ist die Körperlichkeit. Allerdings durchgeht der Körper massive Veränderungen im Laufe des Lebens, dennoch jemand, der aus einem Säugling einen erwachsenen Menschen heranwachsen sah, erkennt im Erwachsenen immer noch dieselbe Person wie im Säugling. Der zweite Kandidat ist das Gedächnis und Erinnerungen. Damit ich mich mit meinem früheren Ich identifizieren kann, muss die Kontinuität der Erinnerung vorhanden sein. Aber auch falls eine Person Gedächtnisverlust erleidet, wird sie nicht als eine andere Person erkannt, sondern bleibt dieselbe Person, die sie vor dem Gedächtnisverlust war.

Weder RoboCop selbst noch seine Freunde erkennen in ihm nach seiner Transformation Murphy. Alex Murphy hat einen Trick aus dem Fernsehen, das Drehen der Waffe, für seinen Sonn nachgemacht. Als RoboCop diesen Trick auf dem Schießstand nach ein paar Schüssen wierderholt, erkennt seine Partnerin, Anne Lewis, Murphy in ihm, und spricht ihn auf seine Vergangenheit an. Zunehmend gewinnt RoboCop mehr Erinnerungen zurück, was ihn immer menschlicher aussehen lässt, weil diese Erinnerungen seinen eigenen Willen zum Vorschein bringen, der auf Basis eigener Vergangenheit Entscheidungen treffen kann, welche Verbrechen er aufklären will. Dennoch ist RoboCop nicht vollständig frei in seinem Handeln, so ist er zum Beispiel so programmiert, dass er andere Polizisten unter keinen Umständen angreifen kann. Andererseits widersetzt er sich im dritten Film einem direkten Befehl, um seine Kollegen zu retten. So vermischt sich seine menschliche Intelligenz mit seiner Software.

Auf diese Weise suggerieren die Filme das Verständnis des Menschen als eines Gehirns in einem biologischen oder mechanischen Körper, der vom Gehirn nur gesteuert wird, aber sonst keine weitere Bedeutung hat (Krang aus „Teenage Mutant Ninja Turtles“). Diese Vorstellung passt gut in die heutige Manier den Menschen mit seinem Gehirn gleichzusetzen: Dein Gehirn reagiert so und so, deswegen …; Dein Gehirn denkt …; u. Ä. Eine persönliche Ansprache mit „Du“ wird durch die Drittperspektive „dein Gehirn“ ersetzt, als ob der Mensch nur ein Beobachter der Aktivität seines Gehirns wäre. Das ist eine eigenartige Erscheinung, weil der Mensch sich selbst als ein einheitliches Wesen erfährt und nicht als ein im Schädel eingesperrtes Gehirn. Ich erfahre meine Teilnahme am Sein, nehme die Außenwelt mit meinen Sinnesorganen wahr, verarbeite diese Sinneseindrücke, die ihrerseits beeinflussen, wie ich mich in meiner Umgebung bewege. Jedes Organ und jede Extremität trägt der Bildung der Persönlichkeit bei, genauso wie das Verlieren oder die Krankheit dieser, weil der Mensch eben ein einheitliches Geschöpf ist. Im Grunde ist ein solches Sprechen vom Gehirn der banale Reduktionismus, der mentale Zustände auf physikalische Zustände reduziert, der alles andere als neu ist und nicht erst gestern entstand.

Auch wenn ich sage, dass die Filme ein bestimmtes Menschenbild „suggerieren“, lassen sie Freiraum für Interpretationen. Schließlich ist Murphy nach der Reimplantation des Gehirns nicht mehr derselbe. Er zeigt keine Emotionen, wir wissen nicht, wieviel er von seinem Gedächnis wiederherstellen konnte, und insgesamt ist sein Handeln viel mechanischer, ihm fehlt die alltägliche Lebendigkeit. Und das zeigen die Filme auch, dass das Verschieben des Gehirns aus einer natürlichen in eine hochentwickelte Hülle nicht das gleiche Wesen auferstehen lässt. Das ist, was diese Filme so spannend macht: Ist RoboCop nun mit Alex Murphy identisch oder nicht?